Archiv für die Kategorie ‘Japanisches’

Flucht und Vergänglichkeit

November 28, 2006

Im Folgenden ein delikates Wortallerlei zum Thema Flucht aus der schmackhaften Vorlesung „Abweichendes Verhalten und Wahnsinn in Japan“ von unserem guten Prof. P. angemacht in Gedankengelee à la Francoise:

view.stern.de/fc/keyword/verwelkt/Das Schöne ist nur schön, weil es vergänglich ist. Während wir schöne Blüten bewundern, trauern wir schon um sie im Wissen darum, dass sie verwelken.

Dieses Gefühl, dass alles vergänglich ist, heißt auf Japanisch mujou-kan 無常感. Mujou bezeichnet die Hinfälligkeit, die Vergänglichkeit aller Dinge. Wer mit den vergänglichen Dingen Schritt halten kann, erlangt Eleganz fuuga 風雅. Doch die Eleganz und die Schönheit sind flüchtig; ihre Existenz ist nur von kurzer Dauer…

Das Sein ist also auf der Flucht. Dabei ist die Flucht das Gesetz des Seins, aber gleichzeitig findet die Flucht selbst auch im Sein statt. Hegel sagt: „Sein ist Werden im Vergehen.“ Im Sein vergehen Vergangenheit und Zukunft und um sein zu können, muss man selbst vergehen wollen.

Dies deckt sich auch mit der buddhistischen Vorstellung vom Sein, das nur die sichtbare und leidvolle Seite des Nichts ist. Um Erlösung zu erlangen, darf man nicht an der Welt festhalten. Man muss sie von sich werfen, vor ihr fliehen.

Als Weltflüchtiger fühlte sich auch Saigyou Houshi 西行法師 (1118 – 1190), ein bedeutender Dichter der späten Heian- und frühen Kamakura-Zeit. Saigyou bezeichnete sich selbst als yosute-bito 世捨て人, also jemand, der die Welt von sich geworfen hat. Als Mönch reiste er umher, war also ständig auf der Flucht. Doch entgegen der Absicht, die der Buddhismus mit der Weltflucht verfolgt, machte ihm das Leben auf der Flucht Spaß und so begann er, die Redlichkeit seiner Lebensweise zu hinterfragen: „Wenn ein Mensch sich selbst verliert, ist er dann verloren? Ist nicht eher verloren, wer sich nicht verlieren kann?“
Er kam zu dem Schluss, dass der Mensch gar nicht wollen darf, ins Nirvana zu kommen, da das Wollen ja aufgegeben werden muss. Um das Nirvana zu erlangen, müsste man also eher wünschen, nicht ins Nirvana zu kommen.

Auch der Haiku-Dichter Kobayashi Issa 小林一茶 (1763 – 1828) hatte so seine Schwierigkeiten, von der Welt zu lassen und schrieb:

露の世は得心ながらさりながら

tsuyu no yo wa tokushin nagara sari nagara

Die Welt
ist
so flüchtig wie Tau
Und doch…

Issa schrieb dieses Haiku 俳句 anlässlich des Todes seiner Tochter basierend auf einem früheren Haiku, das er nach dem Tod seines erstgeborenen Kindes verfasst hatte. Obwohl der Buddhismus die Welt als so flüchtig wie ein Tautropfen beschreibt und man nicht an weltlichen Dingen festhalten soll, hängt sein Herz doch an seinen Kindern…

Es ist eben, wie Hegel sagt: „Die lebendigen Dinge haben das Vorrecht des Schmerzes.“

Lost in Translation

November 19, 2006

Ja, ich studiere gern Japanologie und ich liebe mein Studium, doch manchmal gibt es auch Momente, in denen ich mich frage, warum ich mir das eigentlich antue…

8 bis 10 Tausend 漢字 Kanji, also japanische Schriftzeichen, die aus dem Chinesischen abgeleitet wurden, gibt es, von denen ein Japanologe mindestens die 1.945 常用漢字 Johyoh-Kanji beherrschen sollte. Aktiv versteht sich, d. h. lesen und schreiben können. Damit könne man ca. 80% aller japanischen Zeitungstexte lesen. Verdoppelt man diese Zahl und kann den Sinn von 4.000 Kanji entschlüsseln, bringt man es sogar auf 90% aller Zeitungstexte.
Somit bleibt man faktisch ein Leben lang zum Teil Analphabet und das gilt genauso für die Japaner selbst, die im Durchschnitt 3.000 Kanji aktiv gebrauchen können.
Wieviele Kanji ich innerhalb der letzten zwei Jahre gelernt habe, will ich lieber gar nicht erwähnen. Vor allem die Anzahl der von mir aktiv beherrschten Kanji… *hust*

Und so sitze ich hier mit drei Seiten über und über mit Lesungen und Bedeutungen bekritztelten Seiten geschliffenster, japanischer Rechtsprache, die ich schon seit zwei Wochen fertig übersetzt haben sollte und versuche, hinter der verworrenen Grammatik einen Sinn zu entdecken. Wenn ich mir nur einen kleinen Teil eines Satzes ansehe, ist das eigentlich ganz einfach. Nur leider haben japanische Texte die lästige Angewohnheit, aus einer Abfolge von nicht enden wollenden Sätzen zu bestehen. Zerlegt man diese in Satzteile und will sie in einen vernünftigen, deutschen Satz übersetzen, verlieren sie oft jegliche Logik. Was im Japanischen durchaus noch verständlich ist, mutiert so im Deutschen zu unbegreiflichen Wortkombinationen. Jede Nuance der Grammatik und Wortbedeutung ins Deutsche zu übertragen kann da sehr viel Zeit und Nerven kosten… Dabei steht man immer vor der Frage, ob man lieber genau oder schön übersetzt. Beides gleichzeitig ist selten möglich.

Und wenn man sich dann gar 古文 Kobun, dem Alt-Japanischen, zuwendet, gesellen sich noch allerlei Nebenkonnotationen hinzu, die man bei der Übersetzung auch beachten könnte. Im Prinzip könnte man für einen japanischen Satz immer drei deutsche schreiben, um auch ja nichts von seinem Bedeutungsgehalt zu verlieren…

Aber gerade darin liegt ja auch der Reiz des Japanischen. Je nachdem, wie man ein Wort, ein Zeichen oder nur einen einzelnen Partikel interpretiert, können sich ganz verschiedene Bedeutungen ergeben und das ist es, was jedem, der auch nur ansatzweise dieser Sprache mächtig ist, eine faszinierte Ehrfurcht vor ihr vermittelt.

Allen, die mit dem Gedanken spielen, diese ebenso liebens- wie hassenswerte Sprache zu erlernen und sich dadurch in den Wahnsinn treiben lassen wollen, sei noch der folgende Link ans Herz gelegt, der nur allzu Wahres enthält: „So so, du willst also Japanisch lernen…“

Und damit widme ich mich wieder der vagen Präzision meines Übersetzungstextes und verliere mich in der unendlichen Vielfalt der sprachlichen (Un-)Möglichkeiten…