Im Folgenden ein delikates Wortallerlei zum Thema Flucht aus der schmackhaften Vorlesung “Abweichendes Verhalten und Wahnsinn in Japan” von unserem guten Prof. P. angemacht in Gedankengelee à la Francoise:
Das Schöne ist nur schön, weil es vergänglich ist. Während wir schöne Blüten bewundern, trauern wir schon um sie im Wissen darum, dass sie verwelken.
Dieses Gefühl, dass alles vergänglich ist, heißt auf Japanisch mujou-kan 無常感. Mujou bezeichnet die Hinfälligkeit, die Vergänglichkeit aller Dinge. Wer mit den vergänglichen Dingen Schritt halten kann, erlangt Eleganz fuuga 風雅. Doch die Eleganz und die Schönheit sind flüchtig; ihre Existenz ist nur von kurzer Dauer…
Das Sein ist also auf der Flucht. Dabei ist die Flucht das Gesetz des Seins, aber gleichzeitig findet die Flucht selbst auch im Sein statt. Hegel sagt: “Sein ist Werden im Vergehen.” Im Sein vergehen Vergangenheit und Zukunft und um sein zu können, muss man selbst vergehen wollen.
Dies deckt sich auch mit der buddhistischen Vorstellung vom Sein, das nur die sichtbare und leidvolle Seite des Nichts ist. Um Erlösung zu erlangen, darf man nicht an der Welt festhalten. Man muss sie von sich werfen, vor ihr fliehen.
Als Weltflüchtiger fühlte sich auch Saigyou Houshi 西行法師 (1118 – 1190), ein bedeutender Dichter der späten Heian- und frühen Kamakura-Zeit. Saigyou bezeichnete sich selbst als yosute-bito 世捨て人, also jemand, der die Welt von sich geworfen hat. Als Mönch reiste er umher, war also ständig auf der Flucht. Doch entgegen der Absicht, die der Buddhismus mit der Weltflucht verfolgt, machte ihm das Leben auf der Flucht Spaß und so begann er, die Redlichkeit seiner Lebensweise zu hinterfragen: “Wenn ein Mensch sich selbst verliert, ist er dann verloren? Ist nicht eher verloren, wer sich nicht verlieren kann?”
Er kam zu dem Schluss, dass der Mensch gar nicht wollen darf, ins Nirvana zu kommen, da das Wollen ja aufgegeben werden muss. Um das Nirvana zu erlangen, müsste man also eher wünschen, nicht ins Nirvana zu kommen.
Auch der Haiku-Dichter Kobayashi Issa 小林一茶 (1763 – 1828) hatte so seine Schwierigkeiten, von der Welt zu lassen und schrieb:
露の世は得心ながらさりながら
tsuyu no yo wa tokushin nagara sari nagara
Die Welt
ist so flüchtig wie Tau
Und doch…
Issa schrieb dieses Haiku 俳句 anlässlich des Todes seiner Tochter basierend auf einem früheren Haiku, das er nach dem Tod seines erstgeborenen Kindes verfasst hatte. Obwohl der Buddhismus die Welt als so flüchtig wie ein Tautropfen beschreibt und man nicht an weltlichen Dingen festhalten soll, hängt sein Herz doch an seinen Kindern…
Es ist eben, wie Hegel sagt: “Die lebendigen Dinge haben das Vorrecht des Schmerzes.”