Lost in Translation

By furanimu

Ja, ich studiere gern Japanologie und ich liebe mein Studium, doch manchmal gibt es auch Momente, in denen ich mich frage, warum ich mir das eigentlich antue…

8 bis 10 Tausend 漢字 Kanji, also japanische Schriftzeichen, die aus dem Chinesischen abgeleitet wurden, gibt es, von denen ein Japanologe mindestens die 1.945 常用漢字 Johyoh-Kanji beherrschen sollte. Aktiv versteht sich, d. h. lesen und schreiben können. Damit könne man ca. 80% aller japanischen Zeitungstexte lesen. Verdoppelt man diese Zahl und kann den Sinn von 4.000 Kanji entschlüsseln, bringt man es sogar auf 90% aller Zeitungstexte.
Somit bleibt man faktisch ein Leben lang zum Teil Analphabet und das gilt genauso für die Japaner selbst, die im Durchschnitt 3.000 Kanji aktiv gebrauchen können.
Wieviele Kanji ich innerhalb der letzten zwei Jahre gelernt habe, will ich lieber gar nicht erwähnen. Vor allem die Anzahl der von mir aktiv beherrschten Kanji… *hust*

Und so sitze ich hier mit drei Seiten über und über mit Lesungen und Bedeutungen bekritztelten Seiten geschliffenster, japanischer Rechtsprache, die ich schon seit zwei Wochen fertig übersetzt haben sollte und versuche, hinter der verworrenen Grammatik einen Sinn zu entdecken. Wenn ich mir nur einen kleinen Teil eines Satzes ansehe, ist das eigentlich ganz einfach. Nur leider haben japanische Texte die lästige Angewohnheit, aus einer Abfolge von nicht enden wollenden Sätzen zu bestehen. Zerlegt man diese in Satzteile und will sie in einen vernünftigen, deutschen Satz übersetzen, verlieren sie oft jegliche Logik. Was im Japanischen durchaus noch verständlich ist, mutiert so im Deutschen zu unbegreiflichen Wortkombinationen. Jede Nuance der Grammatik und Wortbedeutung ins Deutsche zu übertragen kann da sehr viel Zeit und Nerven kosten… Dabei steht man immer vor der Frage, ob man lieber genau oder schön übersetzt. Beides gleichzeitig ist selten möglich.

Und wenn man sich dann gar 古文 Kobun, dem Alt-Japanischen, zuwendet, gesellen sich noch allerlei Nebenkonnotationen hinzu, die man bei der Übersetzung auch beachten könnte. Im Prinzip könnte man für einen japanischen Satz immer drei deutsche schreiben, um auch ja nichts von seinem Bedeutungsgehalt zu verlieren…

Aber gerade darin liegt ja auch der Reiz des Japanischen. Je nachdem, wie man ein Wort, ein Zeichen oder nur einen einzelnen Partikel interpretiert, können sich ganz verschiedene Bedeutungen ergeben und das ist es, was jedem, der auch nur ansatzweise dieser Sprache mächtig ist, eine faszinierte Ehrfurcht vor ihr vermittelt.

Allen, die mit dem Gedanken spielen, diese ebenso liebens- wie hassenswerte Sprache zu erlernen und sich dadurch in den Wahnsinn treiben lassen wollen, sei noch der folgende Link ans Herz gelegt, der nur allzu Wahres enthält: “So so, du willst also Japanisch lernen…”

Und damit widme ich mich wieder der vagen Präzision meines Übersetzungstextes und verliere mich in der unendlichen Vielfalt der sprachlichen (Un-)Möglichkeiten…

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